03.10.2015 - 31.01.2016, "Wahlverwandtschaften", Lehmbruck Museum Duisburg
 

Theorie und Praxis – TuP entstand 2000/01 am philosophischen Institut der Universität Düsseldorf. Die Universität verließ die Gruppe und wurde erstmals auch künstlerisch tätig im Projekt "Campus 2002" der Kokerei Zollverein – Zeitgenössische Kunst und Kritik in Essen. Als Verein gründete sie sich 2003 für das Folgeprojekt "'Wo Arbeit war ...' – Industriekultur und Gesellschaft" auf der anderen Seite des Weltkulturerbes Zollverein, in Essen-Katernberg. Es folgte 2005/06 das theoretisch-künstlerische Projekt "Der Stand der Dinge. Bruckhausen" und 2008 bis 2010 drei Projekte im Rahmen des Festivals "Duisburger Akzente" in Duisburg-Ruhrort.

Es gibt keinen Gedanken, wofern er irgend mehr ist als Ordnung von Daten und ein Stück Technik, der nicht sein praktisches Telos hätte.“ (T. W. Adorno)


praxis Wie es kam, was es soll – Vorgeschichte und Ziele

Der gemein nützige Verein Theorie und Praxis wurde 2003 in Essen gegründet. Seine Vorläufer – mit z. T. identischem Personal – waren:
  1. Ein philosophisches Seminar „Theorie und Praxis“ an der Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf, gehalten im Wintersemester 2000/1 von Stefan Schroer und Christian Schoppe.



  2. Die Entwicklung und der Betrieb eines Fachbereichs Politische Ökonomie an der temporären „idealen Universität“ Campus 2002 von/an der Kokerei Zollverein / Zeitgenössische Kunst und Kritik durch die Gruppe Theorie und Praxis im Sommer 2002.

Sowohl der akademische Rahmen einer Universität als auch die kuratorisch angewiesene Abteilungsleitung eines Kunstbetriebes erwiesen sich als den theoretischen (durchaus auch wissenschaftlichen) und praktischen (durchaus auch künstlerischen) Intentionen der Gründungsmitglieder unangemessen.
Diese Intentionen bestanden und bestehen in einer Aufklärung über die Ursachen des „Blocks“ zwischen einer Theorie, die auf die Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse und einer Praxis, die auf die Veränderung dieser Verhältnisse zielt. Zweck auch dieser Aufklärung, Kriterium ihres Gelingens wäre der Ausgang der Theoretiker aus der Ohnmacht bloßen Bescheidwissens, der Ausgang der Praktiker aus der Betriebsblindheit (mit welchen individuellen wie kollektiven Zielen auch immer verbundener) bloßer Partizipation an gesellschaftlichen Reproduktionsmodi.


Wie man hineinkommt, was dabei herauskommt – Arbeitsweise und Zwischenergebnisse


Das Vorgehen von Theorie und Praxis ist von zwei zunächst heuristischen Grundannahmen bestimmt:
  1. Die Gesellschaft ist am besten an ihren Rändern erkennbar.
  2. Dem „Wissen der Betroffenen“ gebührt Vorrang vor Annahmen von Theoretikern, die Objektivität anstreben können und sollten, nie aber voraussetzen.

Diese natürlich am Schreibtisch, in der Reflektion, gefällten Grundsatzentscheidungen führten in den letzten Jahren zu Praxen nach dem Muster mobiler theoretischer wie künstlerisch-praktischer Einsatzkommandos. Von ihnen wurden solche Orte in erster Linie aufgesucht, die als marginalisiert gelten, weil in ihnen volkswirtschaftliche Wertschöpfung nur (noch) in geringem Maß stattfindet. Als für Erkenntnis wie Intervention günstige Bezugsgröße erwies sich der gesellschaftliche Teilraum „Stadtteil“.  An diesen Orten, in diesen Stadtteilen wurden als Bedingung aller anderen dort initiierten Praxen in erster Linie Gespräche mit Anwohnern, hier Berufstätigen oder anders professionell und ehrenamtlich Aktiven geführt und dokumentiert. Die dabei entwickelte Gesprächsmethode berücksichtigt den Erfahrungsvorsprung der Gesprächspartner. Die ethnologische Basisillusion, Beobachtungen und Gespräche ließen Beobachtetes und Gesprächspartner unbeeinflusst, wurde dabei in ihr Gegenteil verkehrt. Der temporäre Aufenthalt im Stadtteil setzt die Sichtbarkeit der Einsatzkommandos als Erkenntnismittel ein und will zu über Gesprächsbereitschaft und den Konsum der Ergebnisse ihrer künstlerischen Praxen hinausgehender Partizipation provozieren. Eine Basisstation, die temporäre Einrichtung eines festen und öffentlichen Arbeits-, Begegnungs- und Präsentationsraums erwies sich dabei als unverzichtbar.

Die kurze Beschreibung einiger größerer Projekte von Theorie und Praxis e.V. macht ein Grundmuster, darin mögliche Variabilität und Entwicklungstendenzen sichtbar:

 

  1. „’Wo Arbeit war…’ - Industriekultur und Gesellschaft“

Das Projekt fand im Jahr 2003 in Essen-Katernberg statt. Der Arbeitsraum war ein leerstehendes Ladenlokal, das zuvor eine Filiale der Deutschen Bank beherbergte und unweit der Stadtteilmitte liegt. Beteiligte Praxen waren „Gespräche im Schaufenster“, ein „Seminar im Schaufenster“, eine photographische Stadtteilerkundung, die in einer Ausstellung im Ladenlokal mündete und ein ausgesprochen mobiler Theaterworkshop mit Kindern durch jeweils teilkompetente projektbeteiligte Theoretiker und Künstlerinnen. Der regelmäßige Austausch der in den einzelnen Projektteilen erzielten Ergebnisse statt einer finalen Zusammenführung erlaubte dabei eine wechselseitige Beeinflussung dieser Teile über die gemeinsamen Erkenntnis- und Darstellungsinteressen hinaus.

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Die weitgehende Entkopplung von ökonomischer Wertschöpfung in Katernberg ist typisch nicht nur für den Essener Norden, sondern für große Teile des Ruhrgebietes. Die Frage, wie sich die gesellschaftliche Reproduktion angesichts des Wegfalls der mit Erwerbsarbeit verbundenen Integrationskräfte vollzieht, konnte nicht befriedigend beantwortet und diese Antworten  nicht letztgültig sichtbar gemacht werden. Grenzen und Möglichkeiten kompensatorischer Integrationsversuche etwa durch sozialarbeiterische und kulturelle Zugriffe und Beschäftigungsfelder aber wurden deutlich. Die eingehende Beschäftigung mit einer lokalen Besonderheit, der Musealisierung einer industriegeschichtlichen Epoche und ihre Auswirkungen auf die mit ihr Abgewickelten war dabei einerseits dem vorhergehenden Engagement an der Kokerei Zollverein geschuldet. Andererseits prägt die Nachbarschaft zum Weltkulturerbe „Zollverein“ und prägen die verzweifelten Versuchen, dieses Erbe auch lokal sinnstiftenden Nutzungen zuzuführen, die Katernberger Realität in hohem Ausmaß. Von den hier gewonnenen Erkenntnissen profitieren wir in Hinblick auf die theoretische Reflektion und den praktischen Umgang mit ganz ähnlichen Effekten der Ernennung des Ruhrgebiets zur Europäischen Kulturhauptstadt im nächsten Jahr sehr.

 

  1. Der Stand der Dinge. Bruckhausen.
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Das Projekt fand 2005/6 in Duisburg-Bruckhausen statt. Arbeitsraum war hier neben dem Stadtteil selbst der Kulturbunker Bruckhausen, als Präsentationsraum kam noch ein leerstehendes Ladenlokal hinzu. Auch in Bruckhausen standen Gespräche im Vordergrund, die die Basis für eine multimediale, hauptsächlich theatrale Präsentation bildeteten. Ihr Textanteil bestand zum größten Teil aus in diesen Gesprächen Geäußertem. Eine fotografische Erforschung des Stadtteils, die in eine Ausstellung im Kulturbunker mündete, sowie jeweils eine Butoh- und Hiphopperformance und die pantomische Vergegenwärtigung einer musikalisch präsenten Operette, die ebenfalls Teile der erwähnten theatralen Präsentation bildeten, waren weitere am Projekt beteiligte, künstlerische Praxen.

Das unbescheiden formulierte Projektinteresse lag darin, am Beispiel Bruckhausens eine Klärung davon zu gewinnen, was das Universum macht. Es konnte letztlich nicht vollständig befriedigt werden. Was jedoch einen weitgehend (in räumlicher und gesellschaftlicher Hinsicht) marginalisierten Stadtteil wie Bruckhausen für die gegenwärtige Gesellschaft exemplarisch macht und welche Erkenntnisse die durch solche Exemplarizität gestattete Übertragung des hier Erfahrenen auf unsere gesellschaftliche Gegenwart produziert, konnten wir in uns zumindest zeit- und teilweise befriedigendem Ausmaß beantworten. Die sinnlich besonders eindrucksvolle unmittelbare Nachbarschaft des Stadtteils zum Thyssenwerk, dessen Bedürfnissen er seine Entstehung verdankte, einen Teil des baulichen Bestandes schon in der Vergangenheit opferte und dessen zeitgemäß grüne Einfriedung inzwischen zum Abriß eines weiteren, überflüssig gewordenen, Stadtteilteils führte, macht einen allgemeingültigeren, hierarchisch strukturierten Zusammenhang von Ökonomie und Überbau, Produktion und Rekreation erkennbar. Wie sich dieser Zusammenhang auf die Subjekte auswirkt, die nicht minder überflüssig geworden, in diesem Stadtteil weiterhin leben, wurde uns hier deutlich und suchten wir wiederum hier sichtbar zu machen.

Die Zusammenarbeit mit anderen, teils in Bruckhausen schon vorher, teils von Theorie und Praxis importierten Künstlern  nahm dabei ebenso großen Raum ein, wie die erwähnten Gespräche, die auch ihren Praxen Material gaben.

 

  1. Z. B. Ruhrort. Laß uns ein Warentransportmittel nehmen und hinfahren, wo’s schön ist

Das letzte hier beispielhaft kurz zu beschreibende größere Projekt fand im Rahmen von Akzente 2008 im Duisburger Hafenstadtteil Ruhrort statt. Als Arbeits-, Begegnungs- und Präsentationsraum fungierte das von Theorie und Praxis in Kollaboration mit anderen gestaltete Hennes-Lokal, eine kurz zuvor aufgelassene Eisenwarenhandlung mit 150 jähriger Geschichte in Ruhrort. Die Aufmerksamkeit, die durch diese Neunutzung, durch die Entscheidung, schon lange vor der eigentlichen Präsentationsphase regelmäßige und beworbene öffentliche Veranstaltungen stattfinden zu lassen, und durch die Zusammenarbeit mit in Duisburg inzwischen als Künstler profilierten Partnern (v. a. dem in Bruckhausen wesentlich aus Theorie und Praxis hervorgegangenen Theater Arbeit Duisburg)  veränderte die Arbeitsweise von Theorie und Praxis. Stärker als in den vorausgegangenen Projekten verstanden wir uns nicht nur auch als Akteure im Stadtteil, sondern wurden auch von Anfang an so wahrgenommen. Dazu haben wesentlich der regional große Erfolg des temporären Kunstpräsentations- und (nicht nur) Künstlerbegegnungsraums „10 Tage besser leben“ in der Duisburger Innenstadt, der im Sommer 2007 von Theater Arbeit Duisburg und Theorie und Praxis eingerichtet worden war, und die Resonanz auf die Veranstaltungsreihe „TADvent – In dieser Armut welche Fülle“ beigetragen. Viele der dort Aktiven, viele der dortigen Besucher prägten nun Programm und Publikum in Ruhrort.

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Erstmals wurden in Ruhrort die geführten Gespräche um wöchentliche, explizit öffentliche Expertengespräche ergänzt. Gemäß der Grundannahme vom Vorrang des Wissens der Betroffenen, galt als Experte der jeweils von einem Thema in besonderer Weise Erfasste. Gerade Gespräche mit „klassischen Experten“ fanden jedoch verstärkt das Interesse der RuhrorterInnen, deren eigenes Expertentum sich in den jeweils folgenden Diskussionen z. T. äußerst selbstbewußt Stimme verschaffte. Auch hier stand die Zusammenarbeit mit Musikern, einer Fotografin und TheatermacherInnen im Vordergrund. Die eigenständigen Veranstaltungsreihen und Abschlußveranstaltungen ließen die Interaktion zwischen den einzelnen Theorie- und Praxisformen bei der Erarbeitung der jeweiligen Zwischenergebnisse allerdings etwas in den Hintergrund treten. Zusammen kamen und gemeinsam prägten sie allerdings den Ort „Hennes-Lokal“, der seitdem als Proben-, Veranstaltungs- und Arbeitsraum auch weiterbetrieben wurde, inzwischen allerdings unter dem Namen „Lokal Harmonie“ einen eigenen und eigentümlich produktiven Arbeitszusammenhang bildet.

Die Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit am Beispiel Ruhrorts konnte auch deshalb nicht so weit fortgeführt werden, wie für eine Bilanz nach der Maßgabe etwa der erwähnten Theorie und Praxis Engagements in Katernberg oder Bruckhausen nötig gewesen wäre. Ein weiterer Grund liegt in der Eigentümlichkeit des Hafenstadtteils, dessen Binnendifferenzierungen zwischen Haniel, Hafen und Hartz 4, zwischen einer mental wie architektonisch ungeheuer präsenten „großen Vergangenheit“ und einer unerwartet großen Ruhe angesichts einer die Substanz dieser Vergangenheit allmählich verzehrenden oder dem Verfall überantwortenden, objektiv prekären Gegenwart. In der Weiterführung dieser Arbeit wird ein wesentlicher Teil unserer Aufmerksamkeit sich der Frage zuwenden müssen, ob etwa diese Ruhe das gesellschaftlich Exemplarische am in der Eigenwahrnehmung „schönsten Duisburger Stadtteil“ darstellt. Und wie sie zu stören ist.

Theorie und Praxis e. V. versteht sich als durch die kurz beschriebenen wie auch in anderen (etwa der diesjährigen Akzentebeteiligung) Projekten nachgewiesen kompetenter theoretischer Erforscher gesellschaftlicher Gegenwart am Beispiel konkreter Orte. Deren Beispielhaftigkeit ist dabei stets fragwürdig, d.h. nachweispflichtig und zu explizieren. Zugleich als Bedingung wie als Zweckgeber der  Forschung fungieren dabei die jeweiligen künstlerischen Interventionen an und in diese Orte, als deren Organisator und Koordinator die Erfahrungen der letzten Jahre uns ebenfalls Kompetenz akkumulieren ließen. Als unverzichtbare Basis und Medium dieser Forschungen und Interventionen fungiert zur Zeit das Lokal Harmonie in Duisburg Ruhrort. Obwohl uns die Aufhebung des Blocks zwischen Theorie und Praxis bisher nicht gelang, sind wir unserer Zeit voraus. Sie haben Kontakt aufgenommen.

Stand 2010 - © für alle Fotos: Annette Jonak